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Japanisches Papiertheater faszinierte


Stefan Großkreuz schlägt die hölzernen hyoshigi zwei Mal aneinander und ruft „Hajimari, hajimari“ – „Ich fange an“. Dann klappt er die Türchen des Rahmens auf, der auf dem Gepäckträger seines altmodischen schwarzen Fahrrads montiert ist. Eine erste Bildtafel wird sichtbar. Großkreuz erzählt die Geschichte von Kaguyahime, der Bambusprinzessin.
„Geschichte und Geschichten des japanischen Papiertheaters“ erlebten die Besucher am Samstag, 17. Oktober im Hörsaal H26 der Universität Regensburg. Stefan Großkreuz, der Vorsitzende des Deutsch-Japanischen Vereins Yawara Lippstadt e.V., berichtete zunächst von den Anfängen des Kamishibai in den 1920er Jahren. „In Japan gibt es eine sehr alte Erzähltradition“, sagte er. Das Papiertheater erfreute sich rasch großer Beliebtheit. Mit dem Fahrrad zogen die Erzähler durch die Straßen und trugen Märchen, Fabeln und Abenteuergeschichten vor. Dargestellt waren diese auf etwa acht bis zwölf Bildtafeln, auf deren Rückseite der Text abgelesen werden konnte. Die Vorstellung an sich war kostenlos, Geld verdienten die Geschichtenerzähler  sich mit dem Verkauf von Süßigkeiten. In Tokyo und Osaka, den Hochburgen des Kamishibai, soll es in den 1930er Jahren insgesamt rund 10.000 Geschichtenerzähler gegeben haben, so Großkreuz. Er berichtete auch von Kritik der Pädagogen am Papiertheater („zu bunt“), Hygieneproblemen mit den verkauften Süßigkeiten und der politischen Vereinnahmung des Kamishibai während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg erlebte das Papiertheater eine neue Blüte, erzählt wurden nun auch Fortsetzungsgeschichten, deren einzelne Episoden ähnlich wie bei heutigen Fernsehserien mit einem Cliffhanger endeten.
Das Fernsehen war es schließlich auch, dass das Ende der Blütezeit des Papiertheaters einläutete. Dieses entwickelte sich in zwei Stilrichtungen weiter: dem gaito kamishibai (Straßen-Papiertheater), dessen Nachfolger die japanischen Comics und Trickfilme – Manga und Anime – sind, und dem kyoiku kamishibai, also Bildungs-Papiertheater, das bis heute in Kindergärten oder Schulen eingesetzt wird. „Auch viele Büchereien bieten mittlerweile Kamishibai-Bühnen zum Ausleihen an“, sagte Großkreuz.


Am Sonntag, 18. Oktober, folgte eine Kamishibai-Vorführung für Kinder. Auf Decken und Kissen auf dem Boden vor der Bühne sitzend verfolgten die Mädchen und Buben gebannt die Geschichten von dem Pfirsich-Jungen Momotarô, der auszieht, um die Dämonen zu besiegen, oder vom Fischer Urashima Tarô, der einer Schildkröte das Leben rettet und in einen Palast unter dem Meer gebracht wird. Den Beginn der Geschichten dürfen die Kinder abwechseln mit den hyoshigi, den japanischen Klanghölzern, ankündigen. „Vor der nächsten Geschichte muss ich wissen, ob jemand von euch Angst vor Hexen hat“, fragt Großkreuz sein junges Publikum. „Ich habe keine Angst“, ruft ein Junge. Die Geschichte von der kinderfressenden Berghexe Yamanba, die Großkreuz mit wechselnden Stimmen sehr lebendig vorträgt, finden glücklicherweise ein gutes Ende. Bei einem Kamishibai-Quiz rund um Ninja gibt es Gummibärchen für die richtigen Antworten. Zum Schluss singt Großkreuz mit den Kindern – ebenfalls unterstützt von Bildtafeln – noch das Lied „Meine Tante aus Marokko“ und erzählt als Zugabe die Geschichte vom Schildkröten-Ausflug. Dann werden die Türchen an der Bühne zum letzten Mal geschlossen. „Oshimai“ – Ende.

Übrigens: Am 8. November 2015, dem Tag der offenen Tür der Stadtverwaltung, gibt es in der Stadtteilbücherei Nord im Regensburger ALEX-Center ebenfalls ein Kamishibai-Erzähltheater mit Märchen der Gebrüder Grimm.


Herr Großkreuz erzählt die Geschichte "Kaguyahime, die Bambusprinzessin"


Die Kinder waren total begeistert von den Geschichten.

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